fsc siegel forest stewardship council

FSC-Siegel: Zertifizierung, Labels und auditfeste Produktdatenprozesse

Was FSC konkret bedeutet, welche Labelvarianten dazugehören und wie Hersteller sowie Händler Chain-of-Custody-Zertifizierung sauber umsetzen und in Produktdaten absichern.

Das FSC-Siegel (Forest Stewardship Council) ist für viele Hersteller und Händler längst mehr als „ein Logo auf Papier“. Es ist ein marktrelevanter Nachweis für verantwortungsvoll beschaffte, forstbasierte Materialien – und damit ein wiederkehrendes Thema in Ausschreibungen, Einkaufsrichtlinien, Verpackungsprojekten, Printproduktionen, Marktplatz-Listungen und Nachhaltigkeitskommunikation. Wer FSC glaubwürdig nutzen will, benötigt zwei Dinge gleichzeitig: ein korrektes Zertifizierungs- und Nachweissystem in der Lieferkette und eine konsistente Datenführung, damit Packung, Datenblatt, Shop und Rechnung (B2B) dieselbe Aussage treffen.

FSC ist dabei kein staatliches Label, sondern ein freiwilliges Zertifizierungssystem mit eigenen Standards, Audits und Markenregeln. Das macht es mächtig – und fehleranfällig: Die häufigsten Probleme entstehen nicht in der Forstwirtschaft, sondern bei Chain-of-Custody (CoC), also der lückenlosen Nachweisführung vom zertifizierten Ursprung bis zum fertigen Produkt. FSC selbst bezeichnet CoC entsprechend als Kernmechanismus zur Identifikation und Verfolgung zertifizierter Materialien in Herstellung und Distribution.


Entstehungsgeschichte: Warum FSC gegründet wurde

FSC entstand in einer Phase, in der internationale Politik zwar die Dringlichkeit von Waldschutz und nachhaltiger Nutzung diskutierte, aber kein weltweit einheitliches, verbindliches Regelwerk für „nachhaltiges Holz“ etablieren konnte. In FSC-Darstellungen wird der Kontext rund um den Erdgipfel in Rio (1992) und die anschließende Suche nach marktbasierten, international anwendbaren Lösungen ausdrücklich aufgegriffen.

Wichtig für die Einordnung: FSC ist nicht „über Nacht“ entstanden. Nach mehrjährigen Konsultationen kam es 1993 zur Gründungsversammlung in Toronto; die organisatorische und rechtliche Konsolidierung folgte kurz danach (u. a. als rechtliche Einheit 1994).
Diese zeitliche Staffelung erklärt auch, warum Quellen je nach Perspektive „1993“ oder „1994“ als Gründungsjahr nennen: 1993 als Gründungsversammlung/Startpunkt, 1994 als formale Etablierung als Organisation und Zertifizierungssystem.

Heute ist FSC global verbreitet: Nach Angaben von FSC UK sind über 160 Mio. Hektar Wald nach FSC-Standards zertifiziert, über 60.000 Unternehmen halten eine CoC-Zertifizierung, zusätzlich existieren rund 1.000 Promotional Licences für reine Kommunikationsnutzung.


Was FSC genau ist – und was nicht

FSC ist ein Standard- und Zertifizierungssystem für Wälder und forstbasierte Produkte. Es baut auf Prinzipien und Kriterien auf, die Anforderungen an verantwortungsvolle Waldbewirtschaftung definieren (rechtliche Compliance, Arbeitsrechte, indigene Rechte, lokale Communities, langfristige wirtschaftliche Tragfähigkeit, Umweltaspekte u. a.). FSC beschreibt seine 10 Prinzipien als Basis und listet sie öffentlich.

Wichtig für Hersteller und Händler: Das FSC-Logo sagt nicht automatisch „klimaneutral“ oder „entwaldungsfrei“, sondern belegt – je nach Labelvariante – die Herkunft und den Kontrollgrad der eingesetzten Materialien innerhalb des FSC-Systems. Genau deshalb ist die korrekte Labelwahl (100% / Mix / Recycled) so entscheidend.


Was alles „zum FSC-Siegel“ dazugehört

Wenn im Unternehmen „FSC“ gesagt wird, sind häufig mehrere Dinge gemeint. Für saubere Compliance und Produktdaten sollten diese Bestandteile getrennt – aber verknüpft – betrachtet werden.

1) Zertifizierungsarten: Forest Management vs. Chain of Custody (und mehr)

  • Forest Management (FM): Zertifizierung der Waldbewirtschaftung (relevant v. a. für Forstbetriebe).
  • Chain of Custody (CoC): Zertifizierung der Lieferkette für alle, die FSC-Material herstellen, verarbeiten, umpacken, kennzeichnen oder mit FSC-Claim handeln. FSC beschreibt CoC u. a. über Materialtracking, Identifikation in Prozessen sowie Dokumentations- und Aufzeichnungspflichten.
  • Project Certification: Für Projekte (z. B. Bau), um FSC-Trademarks im Projektkontext zu nutzen.
  • Promotional Licence: Für Unternehmen, die FSC-zertifizierte Produkte verkaufen oder nutzen, aber keine CoC-Zertifizierung benötigen und das Logo nur kommunikativ einsetzen wollen (z. B. im Katalog/auf der Website).

Die zentrale Entscheidungsfrage lautet daher: Wird selbst produziert/verarbeitet/umverpackt/umgelabelt oder soll ein FSC-Claim auf Rechnungen geführt werden? Dann ist CoC typischerweise der richtige Weg. FSC nennt diese Fälle explizit als Gründe für CoC-Zertifizierung.

2) FSC-Trademarks und Markennutzung

Zum System gehören geschützte Markenbestandteile (Name, Initialen, Logo etc.). Für Hersteller bedeutet das: On-Product Labels dürfen nur unter gültigem Zertifikat verwendet werden; reine Kommunikationsnutzung kann über Promotional Licence geregelt sein (je nach Setup). In FSC-Darstellungen wird dieser Grundsatz regelmäßig betont: On-Product Labels sind an Zertifikate gebunden.

3) Die drei FSC-Labels: 100% / Mix / Recycled

FSC arbeitet im Markt primär mit drei Labelvarianten, die die Materialherkunft codieren:

  • FSC 100%: Alle forstbasierten Materialien stammen aus FSC-zertifizierten Wäldern.
  • FSC Recycled: Das Produkt besteht aus 100% recycelten (reclaimed) Materialien (post-consumer und/oder pre-consumer, je nach Definition/Regelwerk).
  • FSC Mix: Mischung aus Material aus FSC-zertifizierten Wäldern, recyceltem Material und/oder Controlled Wood.

Gerade „FSC Mix“ ist in Verpackung und Papier/Print extrem verbreitet – und zugleich der häufigste Stolperstein in der Kommunikation.

4) Controlled Wood: Was damit gemeint ist

Controlled Wood ist nicht FSC-zertifizierter Wald, sondern ein Risikofilter: Material darf innerhalb bestimmter Grenzen in FSC-Mix-Produkte eingehen, wenn es als „kontrolliert“ gilt und damit das Risiko aus inakzeptablen Quellen senkt. FSC beschreibt Controlled Wood als Ansatz, um u. a. illegale Einschläge, Menschenrechtsverletzungen und Entwaldung/Umwandlung von Wald in andere Nutzungen auszuschließen.

In FSC-Erklärungen werden die „unacceptable sources“ typischerweise als fünf Kategorien aufgeführt, z. B. illegal geerntet, Verletzung traditioneller und Menschenrechte, Gefährdung hoher Schutzwerte, Umwandlung in Plantagen/Nicht-Waldnutzung, GMO-Bäume.

5) Lizenzcode und Claim-Logik (das, was in Daten wirklich zählt)

Auf vielen FSC-Labels steht ein Lizenzcode (Format typischerweise „FSC® C######“). Dieser Code ist nicht Deko: Er ist ein Identifikator, über den Zertifikate und Berechtigungen nachvollzogen werden. Entsprechend gehört er zu den wichtigsten Datenfeldern in PIM/MDM, wenn Sie das FSC-Label irgendwo ausspielen.


Klarer Weg zum Erhalt des FSC-Siegels (für Hersteller und Händler)

Der Weg hängt davon ab, ob Sie nur kommunizieren (Promotional Licence) oder selbst in die „Nachweiskette“ eingreifen (CoC). Für die meisten Hersteller, Verpacker, Drucker, Private-Label-Organisationen und viele Händler mit Repack/Etikettierung ist Chain of Custody der Normalfall.

Schritt 1: Rollen & Tätigkeiten sauber abgrenzen

Klären Sie, ob Sie:

  • Produkte herstellen, verarbeiten, bedrucken, umverpacken oder neu etikettieren
  • FSC-Claims auf Rechnungen/Lieferscheinen führen wollen
  • oder ob Sie nur fertige, bereits FSC-gelabelte Ware unverändert weiterverkaufen und lediglich kommunikativ darauf hinweisen

FSC nennt als CoC-Trigger u. a. On-Product-Labeling, Claim auf Rechnungen sowie Repacking/Relabeling.

Schritt 2: Material- und Produktscope definieren

Welche forstbasierten Materialien sind betroffen (Papier, Karton, Holz, Zellstoff, textile Fasern auf Holzbasis etc.)? Welche Produktgruppen/GTINs sollen später FSC-gelabelt oder als FSC-zertifiziert vermarktet werden?
Hier entscheidet sich auch, welche Labelvariante realistisch ist (100%/Mix/Recycled). Die Labeldefinitionen sind öffentlich klar beschrieben.

Schritt 3: Lieferantenfähigkeit prüfen (Zertifikate, Claims, Dokumente)

CoC lebt von „sauberen Eingängen“: Ihre Vorlieferanten müssen FSC-Material mit korrekter Claim-Angabe liefern und die notwendigen Dokumente bereitstellen. Spätestens hier wird FSC zu einem Produktdaten-Thema: Ohne standardisierte Erfassung von Zertifikatsnummern, Claim-Typen und Produktgruppen entsteht manueller Prüfaufwand.

Schritt 4: CoC-Managementsystem aufsetzen (Prozesse + Nachweise)

FSC beschreibt für CoC u. a. drei Kernelemente:
(1) Verwendung von (teilweise/komplett) FSC-zertifiziertem oder reclaimed Material, (2) Identifikation und Tracking durch Herstellung/Distribution, (3) Aufbewahrung aller relevanten Dokumente und Records zu Einkauf, Produktion und Verkauf.

Praktisch bedeutet das in Unternehmen:

  • Wareneingangskontrolle (Claim, Menge, Lieferantenzertifikat)
  • Trenn-/Kennzeichnungskonzepte (physisch oder systemisch, abhängig vom Materialfluss)
  • Mengenbilanz/Umrechnungen (insb. bei Mix/Percentage/Credit-Logiken)
  • Freigabeprozesse für Artwork/Etikett/Packshots
  • Schulungen und Verantwortlichkeiten

Schritt 5: Core Labour Requirements in den Scope integrieren

Ein Punkt, den viele unterschätzen: Für CoC fordert FSC zusätzlich die Einhaltung von Core Labour Requirements (u. a. kein Kinder- oder Zwangsarbeit, keine Diskriminierung, Vereinigungsfreiheit/Kollektivverhandlungen). FSC führt diese Anforderungen im CoC-Kontext explizit auf.
Dazu existieren Guidance-Dokumente, die Unternehmen und Auditoren bei der Umsetzung unterstützen (z. B. als Self-Assessment-Ansatz).

Schritt 6: Audit durch akkreditierte Zertifizierungsstelle

Anschließend erfolgt die Prüfung (Audit) gegen die relevanten FSC-Standards. In der Praxis werden dabei besonders häufig gefunden:

  • Lücken in der Dokumentenführung (Claims nicht sauber nachvollziehbar)
  • Unklare Rollen/Standorte im Zertifikatsscope (z. B. Lager ausgelassen)
  • Unsaubere Produktgruppen-/GTIN-Zuordnung
  • Artwork/Online-Assets ohne Freigabe- und Versionslogik

Schritt 7: Labeling & Markenfreigaben operationalisieren

Mit Zertifikat ist die Arbeit nicht „fertig“, sondern erst skalierbar möglich: Nun müssen Labelgenerierung, Sprachvarianten, Packshots, Datenblätter und Shoptexte in kontrollierte Workflows überführt werden. Gerade für Marken und Händler ist die saubere Trennung wichtig:

  • Zertifikat/CoC = darf ein Produkt als FSC-zertifiziert in Verkehr gebracht werden?
  • Label/Trademark Use = wird das korrekt, konform und kanalrichtig kommuniziert?

Produktdatenperspektive: Welche Felder im PIM/MDM FSC „auditfest“ machen

Damit FSC nicht bei jedem Relaunch, Lieferantenwechsel oder Marktplatzlisting zum Ausnahmeprozess wird, braucht es strukturierte Daten – nicht nur ein Logo im DAM. In der Praxis bewährt sich ein „FSC-Datenkern“ pro Artikel/Variante:

  1. FSC-Status (ja/nein) – niemals als Freitext-Claim
  2. Labeltyp (FSC 100% / FSC Mix / FSC Recycled) gemäß offizieller Bedeutung
  3. Claim-Ebene (On-Product Label / Rechnung/Invoice Claim / reine Kommunikation)
  4. Zertifikatsreferenzen (eigener CoC-Zertifikatscode, Scope, Standorte, Gültigkeiten)
  5. Lizenzcode (z. B. „FSC® C######“) für die Markennutzung/Labelanzeige
  6. Materialbezug (welches Material/Verpackungsteil ist FSC-relevant: Primärpackmittel, Sekundär, Beipackzettel, Booklet etc.)
  7. Asset-Governance (Packshot/Artwork-Version, Freigabestatus, Sprach-/Ländervarianten)

Mit diesen Feldern lassen sich einfache, aber sehr wirksame Validierungen bauen, z. B.:
„Wenn FSC-Status = ja, dann sind Labeltyp + Zertifikatsreferenz + Lizenzcode + freigegebenes Packshot-Asset Pflicht.“


Typische Fehlerbilder (und warum sie fast immer Datenprobleme sind)

1) „FSC“ wird kanalabhängig anders ausgespielt.
Packung sagt „FSC Mix“, der Shop schreibt „FSC zertifiziert“ ohne Typ. Das ist kein Detail: Die Labeltypen haben unterschiedliche Bedeutung.

2) Controlled Wood wird in der Kommunikation überinterpretiert.
„FSC Mix“ ist nicht gleich „100% aus FSC-Wald“. Controlled Wood ist eine Risikominimierung, kein Vollzertifikat.

3) CoC-Scope und Standorte sind nicht sauber modelliert.
Ein Werk ist zertifiziert, ein externes Lager nicht – im PIM steht trotzdem FSC für alle Varianten. Das fällt spätestens im Audit oder bei B2B-Kundenprüfung auf.

4) Lizenzcode/Trademarks werden als Grafikthema behandelt.
Dabei ist der Lizenzcode ein zentraler Identifikator auf Labels; ohne strukturiertes Feld wird er schnell „hart“ im Artwork eingebrannt – und bei Änderungen vergessen.


Fazit

FSC ist ein etabliertes, globales System für verantwortungsvolle forstbasierte Lieferketten – und in der Praxis vor allem ein Nachweis- und Datenmanagementthema. Wer FSC erfolgreich nutzt, trennt sauber zwischen (1) Zertifizierungsart (FM/CoC/Promotional Licence), (2) Labelbedeutung (100%/Mix/Recycled) und (3) Markennutzung/Assets. Mit einem klaren CoC-Weg (Scope → Prozesse/Nachweise → Core Labour Requirements → Audit → kontrollierte Label- und Datenworkflows) wird FSC vom „Logo-Projekt“ zur skalierbaren Sortimentsfähigkeit – inklusive belastbarer Dokumentation für Handelspartner, Marktplätze und interne Compliance.

Weiterführende Informationsstellen und Prüfstellen (Auswahl)

  • FSC International: FSC® Search (Zertifikate & Lizenzcodes prüfen) – Offizielle Suche, um CoC-/FM-Zertifikate, Lizenzcodes und Status von Unternehmen zu verifizieren: https://search.fsc.org/
  • FSC Connect: FSC-STD-40-004 Chain of Custody Certification (Standard, Referenzdokument) – Kernstandard für CoC-Zertifizierung; relevant für Anforderungen an Einkauf, Verarbeitung, Kennzeichnung und Verkauf: https://connect.fsc.org/document-centre/documents/resource/302
  • FSC Connect: FSC-STD-50-001 Requirements for use of the FSC® trademarks (Standard, Label-/Markennutzung) – Vorgaben, wie FSC-Trademarks und On-Product-Labels korrekt genutzt und freigegeben werden: https://connect.fsc.org/document-centre/documents/resource/225
  • FSC International: FSC-Labels (Bedeutung von FSC 100% / Mix / Recycled) – Offizielle Erklärung der Labeltypen, hilfreich für korrekte Claims in Verpackung und Online-Content: https://fsc.org/en/cw
  • FSC Connect: FSC-STD-40-005 Requirements for Sourcing FSC Controlled Wood (Standard, Due-Diligence-Anforderungen) – Standard zur Beschaffung/Prüfung von Controlled Wood und zur Vermeidung „unacceptable sources“: https://connect.fsc.org/document-centre/documents/resource/373
  • ASI (Assurance Services International): Verzeichnis FSC-akkreditierter Zertifizierungsstellen (Prüfstellenliste) – Offizielle Liste der Conformity Assessment Bodies (CABs), die FSC-Audits durchführen und Zertifikate ausstellen dürfen: https://asi.df-kunde.de/archives/certification_bodies?standards=fsc
  • FSC: Trademark Portal / Brand Hub (Labelgenerierung & Markenassets) – Plattformen für Zertifikats-/Lizenzinhaber zur Arbeit mit Trademarks, Labelerzeugung und Markenmaterialien (Zugang i. d. R. über Zertifizierungsstelle): https://trademarkportal.fsc.org/

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