Fairtrade Siegel International

Fairtrade International: Siegelregeln, Zertifizierung und Datenanforderungen

Was das FAIRTRADE-Marke-System umfasst, wie Sie zertifiziert werden, welche Nachweise zählen – und wie Sie Fairtrade sauber in Produktdaten und Kanäle bringen.

Fairtrade International ist für viele Sortimente (Kaffee, Kakao, Bananen, Zucker, Tee, Baumwolle u. a.) längst ein Standardthema in Ausschreibungen, Retail-Onboarding und Markenkommunikation. Das bekannte FAIRTRADE Mark ist dabei nicht „ein einzelnes Logo“, sondern die sichtbare Spitze eines Systems aus Standards, Zertifizierung/Audit, Rückverfolgbarkeitsregeln und Lizenzierung der Markennutzung. Für Hersteller und Händler ist das vor allem dann anspruchsvoll, wenn Fairtrade nicht als Einzelprojekt, sondern skalierbar über viele Artikel, Lieferanten, Rezepturen und Vertriebskanäle geführt werden soll.

Dieser Beitrag ordnet Fairtrade International (FLO) ein, erläutert, was alles zum Siegel gehört, und zeigt einen klaren Weg zum Erhalt – inklusive der Stellen, an denen Unternehmen in der Praxis fast immer scheitern: Datenkonsistenz, Traceability-Modell, Dokumente und Artwork-Freigaben.


Entstehungsgeschichte: Von nationalen Initiativen zur globalen Marke

Die Fairtrade-Bewegung entstand nicht „top-down“, sondern wuchs aus mehreren nationalen Initiativen und Labels, die fairere Handelsbedingungen für Produzenten im Globalen Süden sichtbar machen wollten. In den 1990er-Jahren liefen Konvergenzprozesse zwischen den Labelling-Organisationen; 1997 wurde die Dachorganisation Fairtrade Labelling Organizations International gegründet, heute Fairtrade International.

Ein wichtiger Meilenstein für Hersteller und Handel war die Harmonisierung der Markendarstellung: 2002 wurde ein einheitliches Fairtrade-Zertifizierungszeichen eingeführt, um die Sichtbarkeit im Regal zu erhöhen und grenzüberschreitenden Handel zu vereinfachen.

Heute ist Fairtrade International eine Multi-Stakeholder-Organisation mit nationalen Fairtrade-Organisationen und Produzentennetzwerken; sie setzt Standards, unterstützt Produzenten und arbeitet mit Zertifizierung/Assurance-Partnern.


Was „Fairtrade International“ in der Praxis umfasst

Damit Ihr Unternehmen Fairtrade-konform handeln und das FAIRTRADE Mark nutzen darf, müssen mehrere Bausteine zusammenpassen:

1) Standards: Regeln für Produzenten und Handel/Industrie

Fairtrade Standards definieren Anforderungen für verschiedene Akteursgruppen, typischerweise:

  • Produzentenstandards (z. B. für Kleinbauernorganisationen und Plantagen/Arbeitskräfte-Kontexte)
  • Trader Standard (für Händler, Importeure, Exporteure, Verarbeiter, Marken – also Akteure entlang der Lieferkette)

Der Fairtrade Trader Standard ist dabei für Hersteller und Händler oft der operative Kern: Er regelt u. a. Rückverfolgbarkeit/Traceability, Einkaufs- und Verkaufsdokumentation, Mass-Balance-Regeln für bestimmte Rohstoffe, Anforderungen zu menschenrechtlicher und umweltbezogener Sorgfalt sowie weitere Pflichten entlang der Supply Chain.

2) Zertifizierung/Audit (Assurance): Kontrolle der Einhaltung

Wer Fairtrade-zertifizierte Rohwaren handelt oder verarbeitet, muss in der Regel zertifiziert sein und Audits durchlaufen. Fairtrade beschreibt diesen Grundsatz explizit für Produzenten und Trader (inkl. Hersteller).

In der Fairtrade-Welt spielt FLOCERT als Assurance-Akteur eine zentrale Rolle (und wird in offiziellen Fairtrade-Dokumenten als relevanter Assurance Provider benannt).

3) Traceability-Modelle: Wie „Fairtrade“ in der Lieferkette nachgewiesen wird

Fairtrade arbeitet – je nach Rohstoff – mit unterschiedlichen Traceability-Ansätzen. Ein zentraler Begriff ist Mass Balance: Für bestimmte Kategorien ist Mass Balance zulässig (z. B. Kakao, Tee, Fruchtsäfte, Zucker), obwohl Fairtrade gleichzeitig die Bewegung in Richtung voller Rückverfolgbarkeit fördert.

Für Hersteller ist das hochrelevant: Das gewählte Traceability-Modell bestimmt, welche Daten Sie in Einkauf, Produktion, Chargenwesen und Produktkommunikation führen müssen – und wie Sie mit Mischungen, Rezepturwechseln und Mehrwerk-Produktion umgehen.

4) FAIRTRADE Mark: Markenrecht, Nutzungsregeln, Freigaben

Das FAIRTRADE Mark ist geistiges Eigentum und darf nur unter definierten Nutzungsregeln verwendet werden. Dafür gibt es offizielle Mark-Guidelines.

Wichtig: In vielen Setups ist die Zertifizierung (Auditfähigkeit) nicht identisch mit der Lizenzierung der Logonutzung (Markenfreigabe/Artwork-Approval). Operativ sollten Sie beides als getrennte, aber gekoppelte Workflows betrachten:
Audit/Compliance sichert die Berechtigung, Fairtrade-zertifizierte Rohwaren zu handeln. Markenfreigaben sichern, dass Packung und digitale Inhalte korrekt kommunizieren.


Was zum Siegel gehört: Begriffe, Elemente, Nachweise

Wenn in Unternehmen „Fairtrade“ gesagt wird, sind oft mehrere Dinge gemeint. Für saubere Produktdaten und Compliance sollten Sie diese Elemente getrennt führen:

  1. FAIRTRADE Mark auf Konsumentenpackungen
    Das ist das sichtbare Label auf der Verpackung bzw. im Online-Packshot. Es signalisiert, dass für definierte Zutaten/Bestandteile Fairtrade-Bedingungen erfüllt sind – aber die konkrete Ausgestaltung (z. B. welche Rohstoffe, welche Traceability) muss intern belegbar sein.
  2. Fairtrade Standards (Dokumente + Versionen)
    Standards sind versioniert und ändern sich. Für PIM/Compliance ist entscheidend, welche Standardversion bei Vertragsbeginn und Audit gilt (z. B. Trader Standard v2.x).
  3. Zertifizierungsstatus + Zertifikate (Organisation/Standorte/Scope)
    Nicht „das Produkt“ wird im luftleeren Raum zertifiziert, sondern Organisationen/Standorte/Scopes entlang der Kette. Für Hersteller heißt das typischerweise: Ihre Rolle (Trader/Manufacturer), die betroffenen Standorte, Prozesse (Verarbeitung/Verpackung/Lager), die Produktkategorien und die dokumentierten Mengenströme.
  4. Fairtrade Premium & Preislogik (Konzeptuell relevant)
    Fairtrade kommuniziert als Kernelement den Fairtrade Premium (zusätzliche Summe, die Produzenten/Arbeiter in Projekte investieren). Für das Einordnen der Marktbedeutung sind aktuelle Zahlen hilfreich: Produzenten verdienten laut Fairtrade International mehr als €211 Mio. Fairtrade Premium in 2023; über zehn Jahre summiert sich der Premium auf über €1,5 Mrd.
    Für Hersteller ist das weniger ein Etikettenfeld als ein Impact-Narrativ, das jedoch nur dann belastbar ist, wenn die Lieferkette und Mengenbilanz korrekt geführt werden.
  5. Gebühren/Costs (Planungsrelevant)
    Zertifizierung und laufende Audits verursachen Kosten. FLOCERT veröffentlicht ein Fee System und bietet einen Gebühren-Kalkulator zur Schätzung an.
    Für Sortimentsplanung ist das wichtig, weil Gebührenmodelle und Auditaufwände je nach Unternehmensstruktur und Scope stark variieren.

Klarer Weg zum Erhalt: So werden Hersteller und Händler Fairtrade-fähig

Der praxistaugliche Weg lässt sich in sieben Schritte gliedern. Wichtig ist dabei: „Fairtrade-fähig“ bedeutet auditfähig + datensicher + markenkonform.

Schritt 1: Scope und Rollen sauber definieren

Klären Sie, ob Sie als Trader gelten (z. B. Import/Export, Handel), als Manufacturer/Processor (Verarbeitung/Verpackung), als Brand Owner (Marke) oder in Mischrollen. Daraus leiten sich Standardanforderungen, Dokumentationstiefe und Auditumfang ab.

Schritt 2: Betroffene Rohstoffe und Traceability-Modell festlegen

Legen Sie pro Rohstoff fest:

  • Ist vollständige Traceability erforderlich/gewünscht?
  • Ist Mass Balance zulässig (und strategisch akzeptabel), z. B. bei Kakao, Tee, Fruchtsäften, Zucker?

Das ist ein Muss-Schritt für Produktdaten, weil Sie sonst später nicht wissen, welche Nachweise für Mengenströme, Rezepturen und Claims nötig sind.

Schritt 3: Lieferanten- und Produzentenseite absichern

Ihre Vorlieferanten (z. B. Rohstoffhändler, Verarbeiter) müssen in der Fairtrade-Kette ebenfalls korrekt aufgestellt sein. Fairtrade beschreibt ausdrücklich, dass Akteure entlang der Kette zertifiziert sein müssen, um Fairtrade-zertifizierte Produkte in Bulk handeln zu dürfen.

Schritt 4: Zertifizierung beantragen und Auditfähigkeit herstellen

Je nach Setup erfolgt die Zertifizierung über den/ einen Assurance Provider (oft FLOCERT). Der Prozess ist auditbasiert und richtet sich an Produzenten und Trader/Hersteller.
Parallel müssen interne Kontrollpunkte stehen:

  • Mengenbilanz/Chain-of-Custody-Logik (Ein-/Ausgänge, Umrechnungen)
  • Trennung/Identitätserhalt, wenn nötig
  • Dokumentationssystem (POs, Lieferscheine, Produktionsprotokolle)
  • Verantwortlichkeiten und Freigabeprozesse (Quality/Compliance vs. Marketing)

Schritt 5: Gebühren und laufende Pflichten planen

Nutzen Sie die veröffentlichten Gebühreninformationen zur Budgetierung; die Kosten hängen stark von Umfang und Komplexität ab.
Planen Sie zusätzlich internen Aufwand: Datenpflege, Lieferantennachweise, Auditvorbereitung, Artwork-Freigaben.

Schritt 6: Markennutzung (FAIRTRADE Mark) regelkonform lizenzieren und freigeben

Die Verwendung des FAIRTRADE Mark folgt eigenen Regeln (Mark-Guidelines, Artwork-Regeln, ggf. Freigabeprozess).
Praktischer Tipp: Behandeln Sie das wie einen „Regulatory Artwork Workflow“ – analog zu Nährwert/Allergenen – und koppeln Sie die Freigabe an Zertifizierungsstatus, Rohstoffliste und Traceability-Modell.

Schritt 7: Kontinuierliches Change-Management

Die häufigsten Compliance-Fehler entstehen durch Änderungen:

  • Rezepturänderungen (Anteil fair gehandelter Rohstoffe)
  • Lieferantenwechsel (Zertifizierungsstatus, Traceability-Modell)
  • Werkswechsel (Audit-Scope)
  • Packungs-Relaunch (Logo-Version, Claim-Text, Layout)

Fairtrade ist damit weniger „ein Siegel“, sondern ein dauerhaftes Governance-Thema.


Produktdaten & PIM: Welche Felder Sie für Fairtrade stabil führen sollten

Wenn Sie Fairtrade skalieren wollen (mehr GTINs, mehr Länder, mehr Kanäle), reicht es nicht, ein Logo ins DAM zu legen. Sinnvoll ist ein strukturierter Datenkern, der Audit, Listing und Content versorgt:

  • Fairtrade-Status pro Artikel/Variante (Ja/Nein + Rohstoffbezug)
  • Betroffene Zutaten/Rohstoffe (z. B. Kakao, Zucker, Baumwolle)
  • Traceability-Modell je Rohstoff (z. B. Mass Balance vs. vollständig rückverfolgbar)
  • Zertifizierungsdaten Ihres Unternehmens (Zertifikat, Scope, Standorte, Gültigkeit)
  • Zertifizierungsdaten der Schlüssellieferanten (gültig/abgelaufen, Scope)
  • Mengenbilanz-Referenzen (Zeiträume, Umrechnungsfaktoren, Reports)
  • Artwork-Freigabestatus (Packung/Online-Assets) + Verknüpfung zu Mark-Guidelines
  • Quellen-/Dokumentenlinks (Zertifikate, Auditberichte, Verträge, Freigaben)

Damit bauen Sie Validierungen, die in der Praxis enorm helfen:
„Wenn Fairtrade = Ja, dann müssen Rohstoffliste + Traceability-Modell + Zertifikatsreferenz + Asset-Freigabe vorhanden sein.“


Fazit

Fairtrade International steht für ein etabliertes System aus Standards, Zertifizierung und Markenregeln – nicht nur für ein Logo. Für Hersteller und Händler ist entscheidend, die drei Ebenen konsequent zu trennen und zu verbinden: Auditfähigkeit (Zertifizierung), Lieferketten-Logik (Traceability/Mengenbilanz) und korrekte Markennutzung (Guidelines, Freigaben). Wenn diese Ebenen als strukturierter Produktdaten- und Governance-Prozess umgesetzt werden, wird Fairtrade vom Einzelprojekt zur skalierbaren Sortimentsfähigkeit – inklusive belastbarer Nachweise für Handelspartner, Marktplätze und interne Compliance.


Weiterführende Informationsstellen und Prüfstellen (Auswahl)

Fairtrade International: „Get Fairtrade certified“ (Einstieg für Unternehmen) – erklärt, wer zertifiziert sein muss (z. B. Trader/Importeure/Hersteller) und wie der Zertifizierungsweg grundsätzlich funktioniert: https://www.fairtrade.net/en/for-business/how-to-get-involved/get-certified.html

Fairtrade International: „How Fairtrade certification works“ (System & Auditlogik) – Überblick zur unabhängigen Prüfung gegen wirtschaftliche, soziale und ökologische Standards: https://www.fairtrade.net/en/why-fairtrade/how-we-do-it/how-does-the-label-work/how-fairtrade-certification-works.html

FLOCERT: „Get certified“ (Antrag/Startpunkt) – offizieller Einstieg in die Fairtrade-Zertifizierung inkl. Antragsweg und Hinweisen für Unternehmen: https://www.flocert.net/get-certified/

FLOCERT: „How to join Fairtrade“ (Ablauf: Application → Audit → Certification) – prozessorientierte Erklärung des Zertifizierungsablaufs, gut als Ablaufreferenz: https://www.flocert.net/how-to-join-fairtrade/

Fairtrade International: Fairtrade Trader Standard (PDF, aktuelle Fassung/Versionierung beachten) – zentrale Anforderungen für Handel/Industrie (u. a. Traceability, Dokumentation, Due Diligence): https://www.fairtrade.net/content/dam/fairtrade/fairtrade-international/standards/trader-standards/TS_EN.pdf

Fairtrade International: „Guidelines for use of the FAIRTRADE Mark“ (Webseite) – erklärt u. a. Markentypen/Anwendungsfälle (Single-Ingredient vs. Multi-Ingredient/Arrow) und leitet zu Regeln weiter: https://www.fairtrade.net/en/for-business/how-to-get-involved/licensee-resources/mark-use-guidelines-.html

Fairtrade International: „FAIRTRADE Mark Guidelines“ (PDF) – offizielle Gestaltungs- und Nutzungsregeln für Verpackung, Werbung und digitale Nutzung: https://www.fairtrade.net/content/dam/fairtrade/fairtrade-international/fairtrade-marks/FM-Guidelines-current_FINAL.pdf

FLOCERT: „Fairtrade Assurance – Rules and Guidelines“ (PDF, aktuelle Assurance-Regeln) – vertiefende, auditnahe Regeln/Guidance (u. a. Ausnahmen, Prüf- und Nachweislogik): https://www.flocert.net/app/uploads/2026/01/Fairtrade-Assurance-Rules-Guidelines.pdf

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