eine Hand reicht einer anderen einen Pass oder Ausweis

Was ist der Digitale Produktpass (DPP)?

Der Digitale Produktpass macht Produkt- und Nachhaltigkeitsdaten maschinenlesbar, prüfbar und zugänglich – für Kreislaufwirtschaft, Compliance und bessere Produktkommunikation.

Grundidee: Ein „digitaler Ausweis“ für Produkte – nicht nur ein QR-Code

Der Digitale Produktpass (Digital Product Passport, DPP) ist – vereinfacht gesagt – ein digitaler Datensatz, der ein Produkt (und teils auch Komponenten/Materialien) eindeutig beschreibt und über einen Datenträger (z. B. QR-Code, NFC, RFID) abrufbar macht. Die EU beschreibt ihn im Kontext der Ecodesign for Sustainable Products Regulation (ESPR) als eine Art „digitale Identitätskarte“: Er soll relevante Informationen speichern, die Nachhaltigkeit unterstützen, Kreislauffähigkeit fördern und Rechtskonformität stärken.

Wichtig ist dabei die Abgrenzung:
Ein DPP ist nicht primär ein Etikett oder ein „Marketing-QR-Code“. Der Datenträger ist nur die Eintrittstür. Der eigentliche Mehrwert (und Aufwand) steckt in den Daten dahinter: Datenmodell, Governance, Aktualisierung, Nachweisfähigkeit, Schnittstellen, Rollen- und Rechtekonzept.


Woher kommt der DPP? Rechtsrahmen und Rollout-Logik

Der DPP ist eng mit der ESPR (Regulation (EU) 2024/1781) verknüpft, die seit 18. Juli 2024 in Kraft ist.
In der Verordnung gibt es ein eigenes Kapitel zum Digital Product Passport (u. a. Chapter III, Article 9 ff.). Dort ist die Grundlogik verankert: Für Produktgruppen, für die Ecodesign-Anforderungen per delegierten Rechtsakten festgelegt werden, sollen die Anforderungen auch vorsehen können, dass Produkte nur in Verkehr gebracht werden dürfen, wenn ein DPP verfügbar ist – und dass die DPP-Daten korrekt, vollständig und aktuell sind.

Das ist für Hersteller und Händler zentral: Der DPP kommt nicht für „alle Produkte gleichzeitig“ mit identischem Pflichtumfang. Die EU arbeitet produktgruppenspezifisch: Anforderungen und DPP-Inhalte werden nach und nach über delegierte Rechtsakte konkretisiert. In den ESPR-FAQs wird der DPP als „key pillar“ beschrieben – grundsätzlich für die Produkte, für die Ecodesign-Maßnahmen beschlossen werden.


Was steht im DPP drin? Typische Datenbausteine

Welche Felder am Ende verpflichtend sind, hängt von der Produktgruppe ab. Trotzdem lassen sich typische Datenkategorien erkennen, die der DPP zusammenführen soll:

A) Identität & Rückverfolgbarkeit

  • Produktidentifikation (Modell/Variante, ggf. Serien-/Chargenbezug)
  • Hersteller/„economic operator“ (verantwortlicher Wirtschaftsakteur)
  • Verknüpfungen zu Registries/Referenzsystemen (je nach Ausgestaltung)

B) Nachhaltigkeit & Kreislauffähigkeit

  • Material-/Stoffinformationen (z. B. Verbunde, kritische Rohstoffe)
  • Angaben zur Haltbarkeit, Reparierbarkeit, Demontagefähigkeit
  • Recycling- und Entsorgungsinformationen, ggf. Rezyklatanteile

C) Compliance & Nachweise

  • Konformitäts-/Regelwerksbezug (produktgruppenabhängig)
  • Verweise auf Dokumente/Erklärungen/Prüfungen – idealerweise strukturiert statt „PDF-Ablage“

D) Nutzung, Service, Aftermarket

  • Reparaturanleitungen, Ersatzteilinformationen, Wartung
  • Sicherheits- und Handhabungsinformationen (je nach Produkt)

Der entscheidende Punkt für die Praxis: Der DPP zwingt Unternehmen dazu, Informationen, die heute verteilt sind (PLM, ERP, PIM, QM, Lieferantendaten, Dokumentenablagen), in einer konsistenten, versionierten und rollenbasiert zugänglichen Form bereitzustellen.


Wer greift auf den DPP zu – und warum „need-to-know“ alles entscheidet

Ein DPP ist für viele Akteure gedacht, aber nicht jeder sieht alles. In DPP-Initiativen und Begleitdokumenten ist häufig von unterschiedlichen Rollen und einem „need-to-know“-Zugriff die Rede: Verbraucherinnen und Verbraucher sollen andere Informationen sehen als Marktaufsicht, Reparaturbetriebe oder Recycler.

Für Hersteller/Händler bedeutet das: Sie sollten früh einplanen, dass DPP-Daten typischerweise in Schichten organisiert werden, z. B.:

  • Public Layer: Basisinfos, Verbraucherinfos, Recyclinghinweise
  • B2B Layer: technische Spezifikationen, Komponenteninfos
  • Professional/Service Layer: Reparatur, Wartung, Ersatzteile
  • Authority Layer: Marktaufsicht, Konformitätsdetails (wo vorgesehen)

Das ist keine Kür, sondern Architekturgrundlage: Wer den DPP nur als „eine Webseite pro Artikel“ denkt, scheitert später an Rechte-, Update- und Nachweislogik.


Wie wird der DPP technisch bereitgestellt? Datenträger, Standards, Interoperabilität

Datenträger: In vielen Umsetzungen wird der Zugang über einen QR-Code oder digitale Tags am Produkt, der Verpackung oder Begleitdokumentation erfolgen. Der DPP ist damit „scanbar“ – aber die EU-Logik ist breiter als QR. (Welche Träger zulässig/üblich sind, kann produktgruppenabhängig sein.)

Standards: Damit der DPP entlang der Lieferkette funktioniert, ist Interoperabilität entscheidend. GS1 positioniert sich z. B. mit DPP-Ansätzen „powered by GS1 standards“ und arbeitet an Provisional Standards bzw. Einordnungen, wie Identifikatoren, Datenträger und Datenaustausch standardisiert werden können.

Für Hersteller und Händler ist das eine klare Empfehlung aus der Praxis: Setzen Sie auf etablierte Identifikations- und Datenaustauschstandards, statt proprietäre „Insellösungen“ zu bauen, die später teuer migriert werden müssen.


Wozu das Ganze? DPP als Hebel für Kreislaufwirtschaft und Binnenmarkt

Der DPP ist Teil eines größeren EU-Produktpolitik-Pakets. Der Circular Economy Action Plan (2020) formuliert explizit das Ziel, nachhaltige Produkte zur Norm zu machen und ein kohärentes Produktpolitik-Rahmenwerk auszurollen.
Die ESPR ist dafür das zentrale Instrument – und der DPP ist darin der Mechanismus, um Informationen entlang des Lebenszyklus nutzbar zu machen.

Aus Unternehmensperspektive steckt dahinter eine sehr klare Wirkungskette:

  • Ohne Daten keine Kreislaufprozesse (Reparatur, Reuse, Recycling)
  • Ohne Daten keine verlässliche Marktaufsicht (Konformität, Greenwashing-Risiken)
  • Ohne Daten keine Skalierung (zu viele individuelle Nachweise, zu wenig Vergleichbarkeit)

Der DPP ist damit nicht nur „Regulierung“, sondern auch ein Versuch, den Binnenmarkt für nachhaltige Produkte digital prüfbar zu machen.


Was bedeutet das für Hersteller und Händler konkret? Vier praktische Konsequenzen

1) Produktdaten werden Compliance-fähig oder riskant
Mit dem DPP rückt Produktinformation näher an eine Logik, die man aus Finanz- oder Qualitätsdaten kennt: Daten müssen stimmen, auffindbar, versioniert und auditierbar sein. In der ESPR-Logik ist „accurate, complete and up to date“ nicht nur ein Wunsch, sondern ein Prinzip.

2) PIM allein reicht selten – aber ohne PIM wird es schwer
Der DPP berührt typischerweise:

  • PLM (Stücklisten/BOM, Materialien, Konstruktion)
  • ERP (Stammdaten, Lieferanten, Prozesse)
  • PIM (handelsrelevante Attribute, Variantenlogik, Ausspielung)
  • DAM/Docs (Anleitungen, Zertifikate, Sicherheitsblätter)
    Der DPP ist die Querschnittsanforderung, die diese Welt zwingt, sauber zusammenzuspielen.

3) Lieferantendaten werden Pflicht statt Kür
Viele DPP-Informationen liegen nicht beim OEM, sondern in Vorstufen. Das macht Lieferanten-Onboarding, Datenspezifikationen und Validierungsregeln zur strategischen Aufgabe.

4) DPP ist auch Commerce – nicht nur Compliance
Ein sauberer DPP kann (je nach Produktgruppe und Zugriffsebene) auch Handel und Marke stärken: bessere Produkttransparenz, weniger Rückfragen, bessere Retouren-/Serviceprozesse, Storytelling, Second-Life-Modelle. Das ist kein „nice to have“, sondern oft der Business Case, der Investitionen intern leichter macht.


Mini-Checkliste: So starten Sie DPP-readiness pragmatisch

Auch wenn produktgruppenspezifische Details nach und nach kommen, können Sie die Grundlagen jetzt legen:

  1. Produktidentifikatoren & Variantenlogik prüfen (Eindeutigkeit, Persistenz)
  2. Datenquellen kartieren (PLM/ERP/PIM/DAM/QM/Lieferanten)
  3. Minimal-Datenmodell definieren (Pflichtfelder + spätere Erweiterbarkeit)
  4. Governance festlegen (wer pflegt, wer prüft, wer gibt frei?)
  5. Nachweis- und Dokumentenstrategie (strukturierte Daten vs. PDF-Verweise)
  6. Rollen-/Rechtekonzept skizzieren (public/B2B/service/authority)
  7. Standards evaluieren (z. B. GS1/Identifier/Datenträger/Interoperabilität)

Fazit: Der DPP ist ein Daten- und Prozessprogramm, kein Etikett

Der Digitale Produktpass ist das EU-Werkzeug, um Nachhaltigkeit und Kreislaufwirtschaft operationalisierbar zu machen: Informationen werden digital auffindbar, standardisierbar und (je nach Zugriff) prüfbar. Er wird über die ESPR in Produktgruppen konkretisiert und wird für viele Unternehmen zum Katalysator, die eigene Produktdatenlandschaft (PIM/ERP/PLM/DAM) auf ein neues Qualitätsniveau zu bringen.

Nach oben scrollen