Blick auf eine Waldszenerie am Tag

Warum der DPP kommt: Europas Weg zur Kreislaufwirtschaft

Der Digitale Produktpass macht Nachhaltigkeitsdaten nutzbar, stärkt Kreisläufe und schafft Transparenz entlang der Lieferkette – als Fundament für EU-Politik und Marktaufsicht.

Der DPP ist kein Selbstzweck – sondern Infrastruktur für EU-Ziele

Der Digitale Produktpass (DPP) wirkt auf den ersten Blick wie „noch eine Datenpflicht“. In der Logik der EU ist er aber vor allem eines: eine digitale Infrastruktur, um Nachhaltigkeits- und Kreislaufwirtschaftspolitik überhaupt wirksam durchsetzen zu können. Denn viele Ziele klingen politisch klar – weniger Abfall, weniger CO₂, weniger Ressourcenverbrauch, mehr Reparatur, mehr Recycling – scheitern in der Praxis aber an einem banalen Problem: Informationen sind über den Produktlebenszyklus verteilt, uneinheitlich, schwer prüfbar und selten maschinenlesbar.

Die EU hat sich gleichzeitig sehr ambitionierte Leitplanken gesetzt: Klimaneutralität bis 2050 und als Zwischenziel eine Reduktion der Netto-Treibhausgasemissionen um mindestens 55% bis 2030 (gegenüber 1990). Das ist ohne massiven Umbau von Produkten, Lieferketten, Materialströmen und Konsummustern kaum erreichbar. Genau hier setzt die Kreislaufwirtschaft an: Ressourcen länger nutzen, Wertstoffe zurückführen, Produkte reparier- und wiederverwendbar machen – und die dafür nötigen Daten verlässlich verfügbar machen.


Policy-Logik der EU: Vom „Take-Make-Waste“ zum Kreislauf – und ohne Daten geht’s nicht

Die EU beschreibt den Übergang zur Kreislaufwirtschaft als zentral, um Druck auf natürliche Ressourcen zu reduzieren, Biodiversitätsverlust zu bremsen und die Klimaziele zu erreichen. In der Praxis bedeutet das: Ein Produkt soll nicht nur verkauft werden, sondern über seinen Lebenszyklus so gestaltet sein, dass es langlebig, reparierbar, upgradefähig, rückführbar und recycelbar ist.

Diese Ziele sind aber nur „prüfbar“, wenn drei Fragen beantwortet werden können:

  1. Was ist im Produkt drin? (Materialien, Chemikalien, kritische Rohstoffe, Komponenten)
  2. Wie wurde es hergestellt? (Herkunft, Prozesse, ggf. Umweltinformationen, Konformität)
  3. Was darf / soll nach der Nutzung passieren? (Reparaturinfos, Demontage, Recyclingpfade, Entsorgung)

Ohne standardisierte Produktinformationen lässt sich Kreislaufwirtschaft nur begrenzt skalieren. Recyclingbetriebe sehen nicht, welche Stoffe vorliegen. Reparaturbetriebe finden keine passenden Anleitungen oder Teile. Marktaufsicht kann Greenwashing schwer prüfen. Und Unternehmen können Nachhaltigkeitsversprechen nicht sauber belegen. Der DPP ist die EU-Antwort auf genau diese Systemlücke.


Der DPP als Hebel im Ecodesign-Ansatz: Nachhaltigkeit wird „Design- und Marktzugangsthema“

Mit der Ecodesign for Sustainable Products Regulation (ESPR) hat die EU einen Rahmen geschaffen, um die Nachhaltigkeit von Produkten auf dem EU-Markt deutlich zu verbessern – u. a. über bessere Circularity, Rezyklierbarkeit und Haltbarkeit. Die ESPR ist dabei nicht nur „mehr Ökodesign“, sondern ein Ansatz, Nachhaltigkeit systematisch über Produktanforderungen und Informationspflichten in den Markt zu bringen.

Hier kommt der DPP ins Spiel: Er ist als Mechanismus gedacht, um Informationen digital, zugänglich und interoperabel bereitzustellen – nicht als PDF-Ablage, sondern als strukturierter Datensatz, der entlang der Wertschöpfung genutzt werden kann. Entsprechend wird auch in EU-Materialien betont, dass Datenzugang „need-to-know“ erfolgen soll und auf offenen, nicht-proprietären Standards basieren soll; zudem läuft Standardisierung rund um Datenträger, Infrastruktur und Interoperabilität.

Wichtig für Hersteller und Händler: Die ESPR arbeitet stark mit nachgelagerten Rechtsakten (delegierte Rechtsakte) und produktgruppenspezifischen Anforderungen. Das heißt: Nicht jedes Detail steht heute schon fest – aber der Trend ist eindeutig: Datenqualität und Datenverfügbarkeit werden Teil der Marktfähigkeit.


Warum „Transparenz“ politisch so wichtig ist: Marktaufsicht, Green Claims und Level Playing Field

Transparenz ist in EU-Politik kein reines Verbraucherargument („Kund:innen sollen informiert entscheiden“), sondern ein Durchsetzungsargument:

  • Marktaufsicht: Behörden können Anforderungen nur kontrollieren, wenn sie Informationen schnell und standardisiert abrufen können. Der DPP reduziert die Friktion, weil Informationen am Produkt bzw. digital verknüpft auffindbar sind.
  • Vergleichbarkeit: Ein Binnenmarkt für nachhaltige Produkte funktioniert nur, wenn Anforderungen einheitlich interpretiert und dokumentiert werden können. Die ESPR soll explizit einen gut funktionierenden Binnenmarkt für nachhaltige Produkte unterstützen.
  • Anti-Greenwashing: Wo Aussagen zu Material, CO₂, Herkunft oder Kreislauffähigkeit gemacht werden, braucht es prüfbare Datengrundlagen. (Auch wenn einzelne Green-Claims-Regeln in separaten Rechtsakten liegen: Der DPP ist ein naheliegendes Datenvehikel.)

Für Hersteller ist das ambivalent: Es erhöht Dokumentationsanforderungen – schafft aber auch die Chance, seriöse Nachhaltigkeitsleistung sichtbar zu machen und sich vom Wettbewerb abzugrenzen, der bisher mit Marketing-Behauptungen durchkommt.


Kreislaufwirtschaft konkret: Reparatur, Wiederverwendung, Recycling – und die Rolle des DPP

Wenn man Kreislaufwirtschaft auf betriebliche Prozesse herunterbricht, wird schnell klar, warum der DPP kommt:

1) Reparatur & Service
Reparierbarkeit scheitert oft an fehlenden Informationen: Explosionszeichnungen, Ersatzteilnummern, Kompatibilitäten, Firmwarestände, sichere Arbeitsanweisungen. Der DPP kann solche Daten strukturiert bereitstellen – für autorisierte Werkstätten, unabhängige Reparaturbetriebe oder Endkund:innen (je nach Zugriffskonzept).

2) Wiederverwendung & Second Life
Wiederverkauf und Refurbishment brauchen Vertrauen: Ist das Produkt echt? In welchem Zustand? Welche Komponenten wurden getauscht? Gerade in Branchen wie Fashion oder Elektronik entstehen hier neue Geschäftsmodelle – und DPP-Ansätze werden als Enabler diskutiert.

3) Recycling & Demontage
Recycling ist ein Informationsproblem: Wenn Materialzusammensetzung, Additive, Verbunde, Batterietypen oder kritische Rohstoffe unbekannt sind, sinken Ausbeute und Qualität. Ein DPP, der Demontagehinweise und Materialdaten liefert, kann Recyclingpfade verbessern – und sekundäre Rohstoffe marktfähiger machen.


Verbindung zu den großen EU-Programmen: Green Deal, Circular Economy Action Plan, Klima-Ziele

Der DPP ist am besten als Baustein zu verstehen, der mehrere EU-Programme miteinander verdrahtet:

  • European Green Deal als strategischer Überbau und Klimapfad.
  • EU-Klimarecht als verbindlicher Zielrahmen (2050 klimaneutral, 2030 mindestens −55%).
  • Circular Economy Action Plan (CEAP) als produkt- und marktbezogene Umsetzungsagenda („sustainable products as the norm“).
  • ESPR als konkretes Regulierungsinstrument für Produktanforderungen und Datenpflichten.

Aus Herstellersicht ist die Quintessenz: Der DPP ist nicht „ein Projekt“, sondern wird zur Schnittstelle, an der sich Anforderungen aus Ökodesign, Konformität, Nachhaltigkeitskommunikation und Kreislaufprozessen bündeln.


Was das für Hersteller und Händler praktisch heißt: Datenarchitektur wird Compliance-fähig oder riskant

Der DPP zwingt Unternehmen nicht nur, „mehr Daten“ zu haben, sondern anders mit Daten umzugehen:

1) Von Dokumenten zu Datenprodukten
Viele Nachweise existieren heute als PDF (Konformität, Handbücher, Zertifikate). Der DPP-Gedanke geht Richtung strukturierte, maschinenlesbare Daten, die aktualisierbar und versionierbar sind.

2) Mehr Quellen, mehr Beteiligte
DPP-Daten liegen nicht nur im PIM. Sie kommen aus ERP (Stammdaten), PLM (BOM/Material), Qualitätsmanagement, Lieferantenportalen, LCA-Tools, Compliance-Ablagen, ggf. IoT/Service. Das erhöht den Integrationsbedarf.

3) Interoperabilität & Standards
EU-Dokumente sprechen explizit von offenen, nicht-proprietären Standards und Interoperabilität; parallel arbeiten Organisationen wie GS1 an standardbasierten Umsetzungsansätzen. Für Hersteller heißt das: Wer jetzt proprietäre Insellösungen baut, riskiert später teure Migrationen.

4) Zugriffskonzepte („need to know“) und Rollenmodelle
Nicht jeder sieht alles. Verbraucherinformationen unterscheiden sich von Behördenzugriff, von B2B-Spezifikationen, von Reparaturdaten. Das ist kein Detail, sondern Kern der Architektur.


Der DPP kommt, weil die EU Wirkung will – nicht nur Absicht

Man kann EU-Nachhaltigkeitspolitik grob so zusammenfassen: Ziele sind nur dann glaubwürdig, wenn sie operationalisierbar sind. Der DPP ist ein Operationalisierungswerkzeug. Er macht politische Ziele („mehr Kreislauf, weniger Emissionen, weniger Ressourcenverbrauch“) übersetzbar in prüfbare Anforderungen und in Prozesse, die Unternehmen tatsächlich implementieren können.

Das erklärt auch, warum der DPP in mehreren Gesetzeszusammenhängen auftaucht bzw. als wiederverwendbarer Mechanismus gedacht ist: Wenn Unternehmen Informationen ohnehin digital vorhalten müssen, sinkt langfristig der Aufwand, sie für unterschiedliche Pflichten mehrfach aufzubereiten. In EU-Entwürfen wird genau diese Logik beschrieben – u. a. mit dem Ziel, parallele Ablagen und redundante Dokumentationsorte zu vermeiden.


Drei typische Missverständnisse – und was Sie stattdessen einplanen sollten

Missverständnis 1: „Das betrifft nur Nachhaltigkeitsberichte.“
Falsch. Der DPP ist produktnah: Er hängt an Artikel, Modell, Charge/Seriennummer, Komponenten. Nachhaltigkeitsdaten werden zu Produkt- und Marktdaten.

Missverständnis 2: „Das ist ein QR-Code-Projekt.“
Der Datenträger ist nur der Einstieg. Die Arbeit steckt in Datenmodell, Governance, Schnittstellen, Qualitätssicherung, Versionierung, Rechtekonzepten.

Missverständnis 3: „Wir warten, bis alles final ist.“
Produktgruppenspezifika kommen schrittweise – aber die Grundlagen (Datenquellen, Verantwortlichkeiten, Stammdatenqualität, eindeutige Identifikatoren, PIM/PLM/ERP-Zusammenspiel) lassen sich früh aufsetzen. Wer das verschiebt, zahlt später meist mehr.


Fazit: Der DPP ist die Datendrehscheibe der Kreislaufwirtschaft

Der Digitale Produktpass kommt, weil die EU Kreislaufwirtschaft und Nachhaltigkeit vom Leitbild in die Marktrealität bringen will: mit überprüfbaren Anforderungen, funktionierender Marktaufsicht und einem Binnenmarkt, in dem nachhaltige Produkte vergleichbar werden. Die ESPR liefert dafür den Rahmen, der Green Deal und das Klimarecht liefern die Zielrichtung, und der DPP liefert die Datenfähigkeit, damit das Ganze nicht an Intransparenz scheitert.

Wenn Sie den DPP nicht als „zusätzliche Pflicht“, sondern als Datenprogramm denken, gewinnen Sie doppelt: Compliance-Fähigkeit und bessere Produktkommunikation im Handel.

Die Produktdatenfabrik unterstützt Hersteller und Händler dabei, ihre Produktdaten so aufzubauen, dass sie DPP-fähig werden – vom Minimal-Datenmodell über Attribut-Governance bis zur Integration von PIM/ERP/PLM/DAM und der Vorbereitung auf Standards, Rollen- und Zugriffskonzepte.

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