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Produktdaten werden zur strategischen Grundlage

Produktdaten waren lange vor allem für Shops, Kataloge und Datenblätter relevant. Mit KI, neuen EU-Anforderungen und dem Digitalen Produktpass werden sie zunehmend zur Grundlage für Transparenz, Compliance und digitale Services. Teil 1 der Serie „Datenhoheit und DPP“.

SAP kauft Reltio. Auf den ersten Blick klingt das nach einer klassischen Enterprise-Software-Meldung: ein großer Anbieter übernimmt einen Spezialisten für Master Data Management. Für viele Unternehmen wirkt das zunächst wie ein Thema für IT-Abteilungen, Datenarchitekten und große Konzernsysteme. Tatsächlich steckt in dieser Übernahme aber ein deutlich größeres Signal. Die nächste Stufe der Digitalisierung entscheidet sich nicht allein an neuen Tools, KI-Modellen oder Benutzeroberflächen, sondern an der Qualität, Verfügbarkeit und Beherrschbarkeit von Unternehmensdaten.

KI braucht mehr als einzelne Datensätze

Kaum ein Unternehmen kommt derzeit an Künstlicher Intelligenz vorbei. Automatisierte Prozesse, intelligente Assistenten, bessere Analysen, personalisierte Kundenerlebnisse und effizientere Lieferketten stehen auf vielen Agenden. In der Praxis zeigt sich jedoch schnell, dass KI nur so gut ist wie die Daten, auf denen sie arbeitet. Wenn Produktdaten in verschiedenen Systemen liegen, Lieferantendaten unterschiedlich gepflegt sind, Nachhaltigkeitsinformationen in PDFs oder Excel-Dateien schlummern und Medienassets nicht sauber zugeordnet werden können, entsteht kein intelligentes Unternehmen. Es entsteht ein digitaler Flickenteppich, der mit jedem neuen Anwendungsfall schwieriger zu beherrschen wird.

Genau hier liegt die strategische Bedeutung von Master Data Management. Stammdaten, Produktdaten, Lieferantendaten, Kundendaten und Dokumente müssen nicht nur vorhanden sein. Sie müssen strukturiert, aktuell, eindeutig, prüfbar und systemübergreifend nutzbar sein. Die Übernahme von Reltio durch SAP steht deshalb exemplarisch für eine Entwicklung, die weit über einzelne Softwarelösungen hinausgeht: Datenqualität wird zur Voraussetzung für KI-Fähigkeit, Prozessautomatisierung und digitale Skalierbarkeit.

Von Datenverwaltung zu Datenhoheit

Viele Unternehmen verwalten bereits große Mengen an Daten. Doch Datenverwaltung ist nicht dasselbe wie Datenhoheit. Während Datenverwaltung vor allem bedeutet, Informationen in Systemen abzulegen und bei Bedarf zu pflegen, geht Datenhoheit einen Schritt weiter. Sie beschreibt die Fähigkeit eines Unternehmens, die eigenen Daten wirklich zu verstehen, zu steuern und gezielt einzusetzen. Dazu gehört zu wissen, welche Quelle führend ist, welche Informationen verbindlich sind, wer für ihre Pflege verantwortlich ist, welche Qualität sie haben und für welche internen oder externen Zwecke sie genutzt werden dürfen.

Gerade bei Produktdaten wird dieser Unterschied immer wichtiger. Lange wurden sie vor allem operativ verstanden: Artikelnummern, Maße, Gewichte, Beschreibungen, Bilder, technische Merkmale, Übersetzungen und Kataloginformationen. Sie waren wichtig für PIM-Systeme, Shops, Marktplätze und Vertriebsmaterialien, wurden aber selten als strategisches Asset betrachtet. Das ändert sich nun grundlegend, denn Produktdaten werden zur Grundlage für Transparenz, Nachhaltigkeit, Kreislaufwirtschaft, Lieferkettensteuerung, Reparaturinformationen, Recyclingfähigkeit und regulatorische Nachweise.

Produktdaten werden zur Infrastruktur

Was früher für ein Datenblatt oder einen Webshop ausreichte, wird künftig nicht mehr genügen. Produktinformationen müssen zunehmend maschinenlesbar, prüfbar, aktuell und kontextabhängig bereitgestellt werden können. Sie werden für Kundinnen und Kunden relevant, für Geschäftspartner, Plattformen, Behörden, digitale Produktpässe und perspektivisch auch für KI-Systeme, die auf dieser Basis Entscheidungen vorbereiten oder Prozesse automatisieren. Produktdaten entwickeln sich damit von einem operativen Begleitmaterial zu einer zentralen Infrastruktur der digitalen Wertschöpfung.

Parallel zur technologischen Entwicklung wächst der regulatorische Druck. Die Europäische Union fordert in immer mehr Bereichen mehr Transparenz über Produkte, Materialien, Lieferketten, Herkunft, Reparierbarkeit, Recycling und Umweltauswirkungen. Der Digitale Produktpass ist eines der sichtbarsten Beispiele für diese Entwicklung. Er soll produktbezogene Informationen digital zugänglich machen und Transparenz entlang der Wertschöpfungskette schaffen. Die konkreten Anforderungen werden je nach Produktgruppe schrittweise ausgestaltet, doch die Richtung ist bereits klar: Unternehmen müssen künftig deutlich besser wissen, welche Informationen sie zu ihren Produkten besitzen, woher diese Informationen stammen und wie sie verlässlich bereitgestellt werden können.

Der Digitale Produktpass beginnt nicht beim QR-Code

Damit ist der Digitale Produktpass kein isoliertes Zusatzprojekt und auch kein einzelner QR-Code, der am Ende eines Prozesses angebracht wird. Er ist vielmehr das sichtbare Ergebnis einer funktionierenden Produktdatenorganisation. Hinter einem digitalen Produktpass stehen Datenmodelle, Schnittstellen, Verantwortlichkeiten, Prüfprozesse, Versionierung und Governance. Wer erst dann beginnt, wenn die jeweilige Produktgruppe konkret reguliert ist, verliert wertvolle Zeit. Wer früher startet, kann Datenlücken erkennen, Verantwortlichkeiten klären und regulatorische Anforderungen mit eigenen digitalen Services verbinden.

Natürlich entstehen dadurch neue Aufwände. Daten müssen gesammelt, geprüft, strukturiert, gepflegt und ausgespielt werden. Doch diese Entwicklung nur als Bürokratie zu verstehen, greift zu kurz. Ein sauber aufgebauter Datenbestand unterstützt nicht nur Compliance, sondern auch Vertrieb, E-Commerce, Kundenservice, Ausschreibungen, internationale Märkte, Übersetzungen, Produktsiegel, Nachhaltigkeitskommunikation und digitale Services. Aus Pflichtinformationen können wertvolle Inhalte werden, die Produkte besser erklären, Vertrauen schaffen und neue Kontaktpunkte mit Kundinnen und Kunden eröffnen.

Viele Daten sind vorhanden — aber noch nicht nutzbar genug

Die zentrale Frage lautet deshalb nicht nur, ob ein Unternehmen irgendwann einen Digitalen Produktpass braucht. Entscheidend ist, ob die Produktdaten heute bereits so organisiert sind, dass daraus morgen verlässliche digitale Nachweise, Services und Kundenerlebnisse entstehen können. Viele Unternehmen besitzen die dafür notwendigen Informationen bereits in Teilen. Sie liegen in ERP-Systemen, PIM-Systemen, PLM-Systemen, Lieferantenportalen, Zertifikaten, Prüfberichten, PDFs, Bilddatenbanken, Excel-Listen und E-Mail-Anhängen. Das Problem ist selten, dass gar keine Daten vorhanden sind. Häufiger liegen sie nicht in der richtigen Struktur, Qualität oder Verknüpfung vor.

Für KI, Digitalen Produktpass, Lieferkettentransparenz, Nachhaltigkeitskommunikation und automatisierte Prozesse braucht es deshalb mehr als Datenablage. Es braucht ein belastbares Produktdatenfundament. Genau hier setzt die Produktdatenfabrik an. Sie versteht Produktdaten nicht nur als Content für Kataloge, Shops oder Datenblätter, sondern als Grundlage für digitale Prozesse, Transparenz und Compliance. Dazu gehören die Aufbereitung und Pflege relevanter Produktinformationen, Stamm-, Dokumenten- und Medienmanagement, Übersetzungen sowie die Vorbereitung auf Anforderungen rund um den Digitalen Produktpass.

Der Einstieg muss kein Großprojekt sein

Der Einstieg muss nicht zwangsläufig ein großes Transformationsprogramm sein. Oft beginnt ein sinnvoller Weg mit einer ausgewählten Produktgruppe, einer Bestandsaufnahme vorhandener Datenquellen und einer klaren Struktur für die nächsten Schritte. Welche Daten sind bereits vorhanden? Welche Informationen fehlen? Welche Systeme liefern welche Inhalte? Welche Attribute sind regulatorisch, vertrieblich oder kommunikativ relevant? Und welche Produktinformationen müssen in Zukunft maschinenlesbar, aktuell und konsistent bereitgestellt werden können? Aus diesen Fragen entsteht Schritt für Schritt eine belastbare Produktdatenstrategie.

Die SAP-Reltio-Übernahme ist damit mehr als eine Nachricht aus dem Softwaremarkt. Sie zeigt, dass sich Unternehmen zunehmend mit der Frage beschäftigen müssen, wie sie ihre Daten systemübergreifend harmonisieren, qualitätsgesichert nutzen und für neue Anforderungen verfügbar machen. Gleichzeitig erhöhen EU-Regulierungen den Druck auf transparente und nachweisbare Produktinformationen. Beide Entwicklungen laufen in dieselbe Richtung: Unternehmen müssen ihre Daten nicht nur sammeln, sondern beherrschen.

Aus Datenhoheit entsteht Zukunftsfähigkeit

Für Produktdaten bedeutet das: Wer heute Struktur schafft, ist morgen schneller compliancefähig, transparenter und anschlussfähiger. Datenhoheit ist deshalb kein abstraktes IT-Ziel, sondern eine Grundlage für Wettbewerbsfähigkeit, regulatorische Sicherheit und digitale Produktkommunikation. Die Zukunft des Produkts beginnt nicht erst beim Digitalen Produktpass. Sie beginnt bei den Daten, die ihn möglich machen.

Im nächsten Artikel geht es darum, warum genau diese Entwicklung nicht nur als zusätzlicher bürokratischer Aufwand verstanden werden sollte. Denn der Digitale Produktpass kann mehr sein als ein regulatorischer Nachweis: Er kann zu einem neuen Kommunikationskanal werden, der Transparenz, Vertrauen und Produktnutzen sichtbar macht.

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